Björn Engholm:  Eröffnungsrede in der Galerie Stewner, Lübeck, am 18. Oktober 2014

"Ursprünglich wollte Janine Gerber mehrere Papierbahnen im Raum installieren: in dieser Ausstellung sehen Sie nur eine, die für diesen Raum extra geschaffen wurde. Eine schwach-getönte, weiße Papierbahn, trotz ihres Volumens sehr fein, ganz unprätentiös und auf ihre bloße Erscheinung im Raum reduziert, durch Reißungen und Schnitte für diverse Lichteinfälle geöffnet - und durch das Lichtspiel sich vollendende papierne Skulptur! (Fontana)
Das Papier, sonst Träger und Grundlage malerischen Schaffens, emanzipiert sich, wechselt von der zweiten zur dritten Dimension und wird zum autonomen Bildfaktor (sowie die Farbe in der Malerei von Janine Gerber).
 
Dafür erleben wir einen kleinen, signifikanten Eindruck in das malerische Schaffen von Janine Gerber.
- 1974 in Karl-Marx-Stadt geboren / (Clara Mosch / Galerie Oben / + Carlfriedrich Claus)...
- Studium bei Jerry Zeniuk / München und in Berlin-Weißensee bei Katharina Grosse (besprühte Ballons und Farblandschaften) und Werner Liebmann (saftige Malerei)
- 2006 erhielt sie das Diplom
Ihre künstlerische Vita weist seit 2004 eine Fülle von Einzel- und Ausstellungsbeteiligungen auf, u.a. in Berlin, Dresden, München, Hamburg und Lübeck, Ausstellungen in Belgien, Rumänien, der Slowakei, Norwegen, Japan und China, mehrfach gefördert und ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jahresschaupreis 2013 der Gemeinschaft Lübecker Künstler.

Ihr zentrales Thema in Papier und Malerei: Lichteinflüsse in allen Variationen, tageszeitlich, standort- und lichtquellenabhängig - auf Gegenstände, ihre Oberflächen sensibel
- wahrznehmen, aufzunehmen und zu speichern (auch per Foto, Skizze, Lichtstudie), um sie in eine malerische Aktion umzusetzen
- Wobei Ölfarbe und Tuschen bevorzugt werden, weil deren Pigmente das Licht samt allen Schattierungen optimal wiedergeben.
- Der Auftrag wird naß-in-naß geschichtet, die meist grau-weißen, erdenen, ocker oder grün-basierenden Farbtöne werden geschichtet, ineinander geschoben, geschabt, so dass Strukturen sichtbar werden, die sich via Lichteinfall verändern und zarte, fließende, changierende Plastizitäten entstehen lassen. Als Malgrund dienen meist Baumwolle, Leinen oder Jute, deren natürliche Strukturen zum Bestandteil der Bilder werden.

Wer im ersten Moment auf Monochromie oder Farbfeldmalerei tippt, liegt falsch: hier wird nicht Ton-in-Ton gemalt, noch stoßen Farbfelder aufeinander.
- Diese Malerei ist nicht-figurativ, denn sie ist frei von Bedeutung, Erzählungen, von allem Narrativen.
- Sie ist nicht abstrakt, denn sie reduziert keine Formen auf ihr Minimum.
- Sie ist aber gleichwohl gegenständlich (hiermit stehe ich im Widerspruch zu der Aussage von Stefan Dupke / Katalog), da Farben, Strukturen und sich materialisierendes Licht quasi Gegenstand der Malerei sind, und die Farbe hier die Rolle der Form, des Gegenstandes übernimmt.

Es ist eine stille Malerei, ein Hort in Welten der Unstille, des Aufgeregten, des Hyper-Konzeptuellen. Eine Malerei, die unsere Wahrnehmung auf uns selbst zurück wirft, weil sie vom Betrachter den Eintritt in eine erzählungsfreie Bildwelt fordert; die erwartet, dass der Betrachter sich öffnet und nicht, dass das Bild ihm diese Öffnung abnimmt.
Damit ist gemeint, dass die Bilder von Janine Gerber ein Publikum suchen, das sich Zeit nimmt, der universellen Wahrnehmung fähig ist, das mit Sehlust und -beharrlichkeit an das Werk geht.
Es ist eine Malerei, die die Sinne mehr fordert als die Ratio, weil sie erst im Auge des Betrachters etwas auslöst - und die insofern poetische Züge trägt.

Die Stille der Bilder, ihre Ruhe, übertragen sich auf Betrachtende - schenken kontemplative Momente.

Ein ungewöhnlicher Beitrag zur aktuellen Kunst und eine gute Entscheidung der Gemeinschaft Lübecker Künstler!