Weiß ist nicht weiß

Eine Bahn weißen Papiers vor einer weiß getünchten Wand. Doch wider Erwarten war an jenem trüben Wintermorgen eine große Bandbreite von Grau-, Braun- und Violett-Tönen zu sehen, die Textur der Wand, ein Spiel von Licht und Schatten zwischen den Papierschichten. Janine Gerber führt dem Betrachter vor Augen, wie ungenau Gesehenes oft beschrieben wird. Und sie weist auf die Kurzlebigkeit von Sinneseindrücken hin: Plötzlich riss der Himmel auf, die Sonne erhellte den Raum, und die beschriebenen Farbtöne veränderten sich gravierend.
Diese Bezüge zum Raum, zum Tageslicht und zum Betrachter sind wesentliche Bestandteile der Arbeit von Janine Gerber; ihnen widmet sie umfangreiche Studien und zu ihnen formuliert sie ästhetische Aussagen. So spricht sie etwa von der Entschleunigung des Sehens als einem Anliegen ihrer Arbeit. Nur im genauen und wiederholten Betrachten erschließen sich ihre Werke.
Die Papierinstallationen zählen ebenso zu den schlichtesten wie zu den komplexesten Arbeiten ihres Œuvres. Üblicherweise ist Papier ein zweidimensionales Trägermaterial für schriftliche und bildliche Inhalte. Janine Gerber nimmt ihm diesen Bestimmungszweck. Stattdessen nutzt sie es als bildhauerisches Material und inszeniert es als dreidimensionales Objekt im Raum. Hierbei orientiert sie sich an der Form des Materials, der Wirkung im Raum und dem sich veränderten Tageslicht. Für die Künstlerin sind Schwarz und Weiß die reinsten Formen des Lichts. Darum eignen sie sich besonders, um die Farbqualitäten des Tageslichts sichtbar zu machen. Dessen wechselnden Nuancen gilt es nachzuspüren, den Reflektionen des Raumes, den Schatten und der Reise des eigenen Blicks. Die ortspezifisch gefertigten Arbeiten sind gegenstandslos, ohne abstrakt zu sein, denn sie thematisieren konkret die zentralen Gegenstände von Janine Gerbers künstlerischer Auseinandersetzung: Farbe, Licht und Raum.
In der Malerei untersucht sie die gleichen Themenkomplexe. Auch die Gemälde sind reduziert in ihrer Farbigkeit und Formensprache. So beschränkt sich das verwendete Spektrum auf wenige "unschöne" Farben, wie die Künstlerin es beschreibt: Weiß, Grau, Grün sowie Ocker- und Erd-Töne. Mit Pinseln, Bürsten und Rakeln schiebt sie die Farbmassen ineinander, schichtet sie auf, gibt ihnen Form und Struktur. So gestaltet Janine Gerber den Bildraum nicht nur, sondern löst ihn auf und erweitert so auch ihre Malerei in die dritte Dimension. Ihre Gemälde sind für sie mehr Objekte im Raum als "nur" Tafelbilder. Als Malgrund kommen unterschiedliche Stoffe zum Einsatz- Baumwolle, Leinen, Jute - deren individuelle Gewebestruktur bewusst in die Arbeit einbezogen wird. Die entstehenden Formen und Strukturen mit unterschiedlich matten oder glänzenden Oberflächen gilt es in ihrer Vielschichtigkeit zu entdecken. Der ideale Besucher ihrer Ausstellungen bleibt lange oder kommt mehrfach und beobachtet die Wirkung der Werke in der spezifischen Situation des Raumes bei wechselnden Lichtverhältnissen.
Janine Gerber lädt dazu ein, anhand ihrer Arbeiten die eigene Wahrnehmung und deren Subjektivität genussvoll zu erkunden: das Verweilen des Blicks, die Reise der Augen über Formen, Farben, Flächen und durch den Raum. Denn Weiß ist nie nur Weiß.
© Stefan Dupke, Kurator und Kulturmanager, Hamburg, 09/2013