Bei Janine Gerber beginnt der Malprozess bereits vor dem eigentlichen Farbauftrag, indem die Künstlerin zunächst zwei oder mehrere Ölfarben zu einem neuen cremigen Farbton vermischt. Anschließend wird dieser mit einem langborstigen Pinsel nass in nass auf die grundierte Leinwand aufgetragen. In dem Moment des Farbauftrags wird die Künstlerin zur Akteurin und der Malgrund zu ihrem Aktionsort. Jeder Druck, jede Drehung oder jeder auch noch so feine Pinselschwung hinterlässt Spuren auf der Leinwand, geradezu physische Strukturen oder auch kalligrafisch anmutende Passagen, die einen Rhythmus oder eine bildimmanente Spannung erzeugen. Was aus der Sicht manches Betrachters aus reiner Willkür heraus zu entstehen scheint, setzt in Wahrheit ein komplexes Verständnis für den Farbrhythmus und einen sehr differenzierten Umgang mit der malerischen Form voraus. Janine Gerbers abstrakte Werke entstehen aus der Tiefe des Farbraumes und entfalten ihre sinnliche Kraft im differenten Widerschein des einfallenden Lichts. Erst ein intensives Abtasten der Bildoberflächen mit den Augen lässt sie in ihren unergründlichen Tiefendimensionen erstrahlen.

Dr. Dörte Beier, Kunsthistorikerin
Text / Katalog "In die GEDOK unterwegs", 2010