Installation: Body Memories (J.Gerber) Wand: Merav Shinn Ben-Alon
Installation: (Janine Gerber):  Body Memories 5 Papierbahnen 5 papers, je each 1 m x 7 cm, 2018
Wand Wall (Merav Shinn Ben-Alon, Tel Aviv): Janine Drucke auf Leinwand Prints on canvas,
je each 1,50 m x 1,10 m, 2018
Minshar for Art Gallery, Tel Aviv, Israel, 2019
Foto Picture: Avraham Hay

Merav Shinn Ben-Alon und ich lernten uns während eines Symposiums im Mark-Rothko Art Center, Lettland 2015 kennen. Ich dokumentierte ihre Reise auf den Spuren ihrer Großmutter und Merav nutzte dieses Material für eine eigene großformatige Zeichnung, die sie im israelischen Pavillon auf der NordArt 2016
präsentierte. Dort entstand unser Wunsch einer weiteren Zusammenarbeit.
2017 besuchte ich sie im Atelier in Tel Aviv, 2018 sie mich in Lübeck: Zwei Wochen arbeiteten wir zusammen im Kunstraum K70. Merav machte von mir viele Fotos und Videos, die meine Bewegungen während des Prozesses des Schneidens und Reißens, des Umgangs mit schweren Papierrollen und großen
Papierformaten dokumentierten. Zuerst nicht wissend, dass ich beobachtet werde, begann ich nach und nach bewusst mit dem Papier in eine Art Performance zu treten. Auf den Fotos, die Merav von mir machte, wurde ich meiner eigenen Körperlichkeit und meiner Beziehung zum Material Papier bewusster. Es fasziniert mich, Bewegungen meines Körpers nachzufühlen und ich begann, freie Zeichnungen zu schaffen. Der Raum, den ich mit dem Material umfasste, spiegelt sich auch im Raum meines Körpers wieder: beim Nachdenken, beim Bücken, Heben, Schneiden, Reißen. Diese Dynamik meines Körpers fühlte ich mit Cutter und
durch den Riss in großformatigen Papierbahnen nach. Fünf Arbeiten mit dem Titel „Body Memories“ sind jetzt in dieser Ausstellung zu sehen (7 m x 1 m).
Merav nahm das von ihr geschaffene Material der Fotos und Videos als Anlass, Ausdrucke auf A4-Papier anzufertigen. Sie erkannte, dass die Größe, mit der ich die Papiere erfühle und bearbeite, für sie nicht immanent bedeutsam ist. Im kleinen Format bleibend, schnitt sie meinen Körper aus, schuf Collagen, Positiv-Negativ Überlagerungen von Papieren, die meine Bewegungen aufgreifen und sie in eine Art seriellen Bewegungsablauf bringen. Sie fotografierte diese und druckte sie vergrößert auf Leinwand (Titel (7 Arbeiten): „Janine“, 1,52 m x 1,10 m), um sie speziell für diesen Raum und seine Größe als Installation zu präsentieren.
Ein Video ist ein Teil der Ausstellung, das mich während der Arbeit mit einer großen Papierbahn zeigt. Der Sound wird getrennt vom Bild im hinteren Teil des Ausstellungsraumes erfahrbar.
Die Linie ist ein wichtiger Bestandteil dieser Ausstellung: Während Merav sie nutzt, um die Körperform herauszuschneiden, ist sie für mich als sinnliche Erfahrung von Bedeutung. Der Riss oder Schnitt trennt nicht nur das Papier. Es entsteht eine spezifische Qualität der Linie. Sie lässt Nähe und Ferne auf der Fläche des Papiers fühlbar entstehen und vermittelt zwischen der Fläche und der Dreidimensionalität.
Meravs Arbeiten aus früheren Jahren zeichnen sich durch eine starke Hinwendung zu Themen wie Gender, Körperlichkeit, Gewalt und Schmerz aus. Unsere Begegnung führte uns auch zu Fragen der 3. Generation, da wir uns zum Einen mit der Geschichte unserer Großeltern verbunden fühlen, doch uns auch mit Fragen nach dem Jetzt und der Zukunft auseinandersetzen. Das Gefühl für die Vergangenheit versuchen wir durch neue Lagen in unseren Arbeiten zu berühren und zu überlagern, um dem Jetzt mögliche Fragen und Antworten geben zu können. Die Auseinandersetzungen aufgrund unserer kulturellen Unterschiede wie unserer Wesensarten während des Projektes waren offensichtlich, doch erkannten wir, dass gerade diese Unterschiede eine Spannung in der Ausstellung offenlegt, die von den Besuchern geschätzt und hinterfragt wird.

Janine Gerber, Januar 2019